„Das habe ich nicht zu träumen gewagt.“ – Julian Köster im Abschiedsinterview über seine Anfänge in Gummersbach und die DNA des VfL

4. Juni 2026

Im Februar 2021 kam Julian Köster als vielversprechendes Talent zum VfL Gummersbach – heute, mehr als vier Jahre später, verabschiedet sich der Nationalspieler als prägende Persönlichkeit und Identifikationsfigur des Vereins. In dieser Zeit hat er nicht nur sportlich eine beeindruckende Entwicklung genommen, sondern auch abseits des Feldes Verantwortung übernommen und das Team mitgeprägt. Vor seinem Wechsel blicken wir im Gespräch noch einmal gemeinsam auf seine Zeit beim VfL zurück.

 

Julian, wie fühlt sich deine letzte Woche beim VfL an und wie präsent ist dieser Gedanke für dich?

Köster: Mir geht es sehr gut. Ich freue mich vor allem, dass ich wieder Handball spielen kann und die Reha so gut geklappt hat. Durch meinen anstehenden Umzug ist die Thematik natürlich präsent, aber deshalb versuche ich, die letzten Tage hier ganz bewusst zu genießen.

Hattest du nach deiner Verletzung Sorge, kein Spiel mehr im VfL-Trikot zu machen?

Köster: Klar, eine Verletzung kommt nie zum richtigen Zeitpunkt, aber in dieser Phase war das schon hart für mich. Da kam sofort die Angst auf, mich vielleicht in Jeans von den Fans und dem Verein verabschieden zu müssen. Das wäre alles andere als das gewesen, was ich mir gewünscht habe. Nach all der Zeit, die ich hier im Verein verbracht habe und die mir sehr viel bedeutet, war es mein klares Ziel, mich auf dem Feld zu verabschieden – und das ist es auch weiterhin.

Mit welchen Erwartungen bist du 2021 nach Gummersbach gekommen – und was ist daraus geworden?

Köster: Mein Traum war es, in der ersten Bundesliga zu spielen. Als ich kam, waren wir noch in der zweiten Liga und haben den Aufstieg im ersten Jahr knapp verpasst. Dafür hat es im darauffolgenden Jahr aber geklappt. Damit, dass sich bei mir dann alles so schnell entwickelt hat, habe ich nicht gerechnet. Das habe ich nicht zu träumen gewagt. Von daher bin ich sehr glücklich, wie alles gelaufen ist.

Wie bewertest du die Entwicklung von Mannschaft und Verein in dieser Zeit?

Köster: Die Entwicklung ist brutal. Von der zweiten Liga in die erste Liga aufzusteigen, dann direkt souverän den Klassenerhalt zu schaffen und sich im nächsten Jahr für Europa zu qualifizieren und seitdem eine Entwicklung zu nehmen, die quasi stets bergauf geht – das ist schon wirklich beeindruckend. Und es zeigt, wie viel Arbeit hier reingesteckt wird, gerade von Goggi und Christoph, die jeden Tag richtig Gas geben, um diesen Verein wieder nach vorne zu pushen. Man sieht, dass wir das als Mannschaft gerne mitmachen.

Was hast du in dieser Zeit besonders gelernt – sportlich und persönlich?

Köster: Sportlich habe ich gelernt, dass dir in der Bundesliga nichts geschenkt wird. Wir hatten teilweise einen sehr guten Kader und haben dann vielleicht doch nicht immer unsere Ziele erreicht, wie in der vergangenen Saison, als wir es nicht geschafft haben, uns wieder für Europa zu qualifizieren. Diese Liga ist unglaublich schwierig und hart. Man muss an jedem Spieltag voll da sein. Ich habe gemerkt, wie anspruchsvoll dieses tägliche Geschäft Bundesliga ist, aber auch wie viel Spaß es macht.

Persönlich bin ich hier als junger Spieler hergekommen und hatte keine Ahnung vom Handballgeschäft, vom Profileben und vom Erwachsensein. Ich bin hier sehr gereift, habe viel Verantwortung bekommen – gerade in der Rolle als Kapitän – und durfte hier sehr viel lernen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wer hat dich in deiner Entwicklung besonders beeinflusst?

Köster: Allen voran Goggi und Christoph. Sie haben mich hierhin geholt, als ich noch verletzt und noch nicht groß bekannt war, sondern eher als Talent galt. Die beiden haben aber etwas in mir gesehen und mich immer gefördert, auch wenn ich vielleicht mal nicht so gut performt habe. Sie haben immer an mich geglaubt. Aber ich muss auch die Mannschaft nennen. Mit ein paar Jungs sind auch Freundschaften entstanden, die auch über die Vereine hinweg erhalten bleiben. Da könnte ich wirklich sehr viele Personen nennen, denn ich habe hier sehr tolle Menschen kennenlernen dürfen.

Wie erlebst du die Fans und die Atmosphäre in der SCHWALBE arena?

Köster: Das ist krass. In den ersten Spielen hier waren nur ein paar Zuschauer da, weil es noch die Corona-Auflagen gab. Heute hat sich das einfach so entwickelt, dass wir jedes Spiel ausverkauft sind. Ich finde die Stimmung unfassbar geil und es macht richtig Spaß hier zu spielen. Man kennt viele Gesichter, weil so viele Fans eine Dauerkarte haben. Es ist wirklich toll, dass man hier gemeinsam durch die schönen Zeiten geht, aber auch nach Niederlagen die Unterstützung noch immer genauso da ist, wie vorher. Das zeichnet den Verein auch aus.

Was wirst du aus Gummersbach am meisten vermissen?

Köster: Allen voran die Kabine. Die Jungs sind mir sehr ans Herz gewachsen. Es ist einfach toll, mit den Jungs die Kabine und das Handballfeld zu teilen, auch mal ein paar blöde Sprüche zu reißen, dann aber wieder hart zu arbeiten.

Was macht die DNA des VfL für dich aus?

Köster: Beeindruckend ist natürlich, dass der Verein eine unglaubliche Historie hat. Das sieht man jeden Tag, wenn man hier trainiert, an den ganzen Titeln, die auf den Bannern hängen. Aber neben der tollen Historie hat der Verein es geschafft, sich auch wieder neu zu erfinden, gerade nach dem Abstieg, als vieles nicht so gut lief. Daraus eine neue Euphorie zu entfachen und modernen Handball spielen zu lassen, ohne sich nur auf die Vergangenheit auszuruhen, sondern sich weiterzuentwickeln. Das beeindruckt mich sehr.

Heiner Brand nennt dich seinen Lieblingsspieler – bleibt das so?

Köster: (lacht) Das kann sich natürlich schnell ändern, wenn ich nicht mehr im VfL-Trikot spiele. Aber es ehrt mich sehr und ich werde mir weiterhin Mühe geben, meine Leistung zu bringen, damit es auch so bleibt.

Was möchtest du den Fans zum Abschied mitgeben?

Köster: Ich wünsche dem Verein fast maximalen Erfolg (lacht), schließlich spiele ich ja noch selbst in der Liga. Glaubt immer an die Mannschaft. Hier wird jeden Tag hart gearbeitet – von der Mannschaft, dem Trainerteam, dem Staff und auch in der Geschäftsstelle. Es wird immer mal wieder Rückschläge geben, das gehört im Sport dazu. Aber da muss man zusammenhalten und dann wird sich dieser Verein weiter nach oben entwickeln.

Foto: Philipp Ising